REISELITERATUR

Es zählt zu den schönsten Naturreservaten Südafrikas: das Londolozi-Resort. Der junge Ranger Boyd Varty berichtet vom Engagement seiner Familie auf der Farm, von seiner aufregenden Kindheit im Busch und von wundersamen Episoden mit Tierliebhabern und Touristen. Wo Elefanten im Vorgarten grasen und Wildkatzen heimlich vom Esstisch naschen – das legendäre Londolozi-Resort am Rande des Krüger-Nationalparks befindet sich seit 1926 im Besitz der Vartys. Und so unkonventionell und furchtlos, wie sich Boyd Vartys Vorfahren hier für den Artenschutz einsetzten, so wechselvoll ist seine eigene Geschichte: Er erinnert sich an seine Jugend zwischen wilden Tieren, abergläubischen Angestellten und eigenwilligen Besuchern. Erzählt von seiner Schwester, die unter einfachsten Bedingungen im Busch geboren wurde, dem draufgängerischen Onkel John und einem dramatischen Überfall, der seine Familie auf eine harte Probe stellte … Bewegend offenbart der Ranger, wie er danach auf Umwegen zurück zu seinen Träumen und seiner Heimat auf Londolozi fand.  

Boyd Varty, Safari. Mein Leben für Südafrikas wildes Paradies. München: Piper Malik 2014 (mit Ursula Wulfekamp)

 

„In der Stille der Abenddämmerung lag Traurigkeit. Im Café drängten sich langgesichtige Männer in Roben, nippten an schwarzem Kaffee und rauchten dunklen Tabak. Ein Kellner bahnte sich, das Tablett mit einem Glas auf seinen ausgestreckten Fingerspitzen balancierend, einen Weg zwischen den Tischen hindurch. In diesem Augenblick wurde der Tag zur Nacht. Die Sitzenden zogen kräftig an ihren Zigaretten, husteten und starrten auf die Straße. Einige hingen ihren Sorgen nach, andere träumten oder saßen einfach schweigend da. Dasselbe Ritual spielt sich jeden Abend überall in Marokko ab, dem Wüstenreich im Nordwesten Afrikas, das sanft an die Atlantikküste stößt. Als die letzten Sonnenstrahlen erloschen waren, setzten die Gespräche wieder ein und das Brummen unaufgeregter Stimmen erhob sich leicht über die Geräusche des Verkehrs. Auf mich wirkte dieses in einer Hintergasse Casablancas gelegene Café geheimnisvoll, es war ein Ort, der eine Seele besaß, ein Ort, in dem ich Gefahren witterte …“

Aus: Tahir Shah, Im Haus des Kalifen – Ein Jahr in Casablanca. München: Frederking & Thaler 2008

 

„Wenn wir während meiner Kindheit in Marokko unterwegs waren, pflegte mein Vater uns stets zu erklären, man könne einen Ort nur verstehen, wenn man sich auf das konzentriere, was über bloße Sinneseindrücke hinausging. Er forderte uns dann auf, die Nasen zuzuhalten, Watte in die Ohren zu stopfen und die Augen zu verschließen. Nur so, betonte er, könnten wir die Essenz eines Ortes in uns aufnehmen. Bei Kindern stiftet das Blockieren der Sinnesorgane Verwirrung. Wir hatten tausend Fragen, und jede Antwort warf eine neue Frage auf.
Es dämmerte bereits, als wir eines Abends in Fès eintrafen. Wie immer hatte sich die Familie in unseren betagten Ford Kombi gezwängt, die Plastikkoffer stapelten sich auf dem Dach, der Gärtner saß am Steuer. An diesem Abend erhaschte ich meinen ersten Blick auf die massiven mittelalterlichen Stadtmauern, uneinnehmbar und schmucklos wie das Ende der Welt. Vor den Mauern bewegten sich Gestalten in Kapuzen-Gewändern, dazwischen standen mit frisch geschlachteten Schafen beladene Karren, und in der Ferne hörte man die schrillen Töne einer Hochzeitsgesellschaft ...“

Aus: Tahir Shah, Der Glücklichste Mensch der Welt - Meine Reise zu den Geschichtenerzählern Marokkos. München: Piper Verlag 2009